Executive MBA Alumni Award 2012: Ausgezeichneter Abschluss

Der Mediziner Oskar Bänziger und die Arbeits- und Organisationspsychologin Barbara Gölz haben das Weiterbildungsprogramm «Executive MBA» der Universität Zürich abgeschlossen. In ihrer Masterarbeit befassten sie sich mit dem Berufseinstieg junger Erwachsener mit psychischer Beeinträchtigung. Dafür erhielten sie den jährlich verliehenen «Executive MBA Alumni Award 2012» für besonders innovative Arbeiten.

Marita Fuchs

Für junge Erwachsene mit psychischen Beeinträchtigungen ist es schwer, einen Einstieg in den Berufsalltag zu finden. Mit der Rente der Invalidenversicherung (IV) sind sie zwar abgesichert, doch es besteht das Risiko, dass sie sich nicht in die Arbeitswelt integrieren können. Das ist nicht nur frustrierend für die Jungen, deren Potenzial nicht gefragt ist, sondern belastet auch die IV-Kasse.

Diesem Problem sind Oskar Bänziger und Barbara Gölz in ihrer Masterarbeit zum Thema «Junge Erwachsene mit psychischer Behinderung und ihr Berufseinstieg» in einer systemtheoretischen Analyse nachgegangen. Für ihre Abschlussarbeit im Rahmen des Weiterbildungsprogramms «Executive MBA» an der Universität Zürich wurden die beiden Absolventen mit dem «EMBA UZH Alumni Award 2012» prämiert.

Immer mehr junge Rentner

Bänziger ist Professor für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des regional-ärztlichen Dienstes Nordostschweiz der IV, Gölz ist selbständige Arbeits- und Organisationspsychologin in Winterthur. «Wir wollten in unserer Arbeit die besorgniserregende Zunahme von psychisch behinderten Jugendlichen ohne Beruf genauer analysieren», sagen die Preisträger.

Die Zahlen sprechen für sich. Die Neurentenquote der IV hat ab 2006 mit der 4. und 5. IV-Revision abgenommen; gestiegen sind jedoch die so genannten ausserordentlichen Renten für junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren: allein im Kanton Zürich seit 2003 um rund 19 Prozent.

Psychisch krank und medikalisiert

«Die Gründe für diesen Anstieg sind nicht einfach nachzuvollziehen, die meisten dieser jungen IV-Bezüger gehören zur Gruppe der psychisch Kranken», sagt Bänziger, «bei einigen wurde bereits im Kindesalter eine so genannte ADHS-Störung, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung mit oder ohne Hyperaktivität diagnostiziert.»

Viele dieser «psychisch kranken» und medikalisierten Jugendlichen absolvieren eine niederschwellige erste berufliche Ausbildung mit Unterstützung der IV in einem geschützten Ausbildungsrahmen. Doch schaffen nur die wenigsten den Übertritt in den Arbeitsmarkt und werden stattdessen lebenslängliche Rentner.

Aus dem System gekippt

Wird jungen Erwachsenen mit psychischer Beeinträchtigung eine Rente zugesprochen, bleiben sie weitgehend sich selber überlassen. Weil sie nicht mehr zur Schule gehen und auch in keinem Berufsfeld integriert sind, kippen sie quasi aus dem System.

Da sie aber mit Taggeldern, Ergänzungsleistungen und Rente im Vergleich zu gesunden Altersgenossen ein deutlich höheres Gehalt erhalten, besteht für sie kaum Veranlassung, sich eine Arbeit zu suchen. «Damit wird jeder Anreiz, in der Berufswelt Fuss zu fassen, ausgeschaltet», sagt Bänziger. Und Gölz beobachtet, dass auf Seiten der Arbeitgeber grosse Skepsis besteht, psychisch angeschlagene Junge mit IV-Lehre anzustellen.

Bänziger und Gölz schlagen deshalb vor, vermehrt positive Anreize für Arbeitgeber zu schaffen, mehr junge Menschen mit Beeinträchtigung in ihren Betrieben zu integrieren und parallel dazu die negativen Anreize für IV-Bezüger zu reduzieren.

Weichenstellung entscheidend

Weil die Suche nach einer Arbeitsstelle ohnehin nicht ganz einfach ist, erscheint den Jugendlichen der vermeintlich einfachere Weg über eine von der IV vermittelte Ausbildung als besonders verlockend. Ihnen, aber auch den verantwortlichen Fachleuten wie Pädagogen, Schulpsychologen, Kinder- und Jugendpsychiatern sowie Kinder- und Jugendärzten, sei die Tragweite dieser verhängnisvollen Weichenstellung oft zu wenig bewusst, erklären die Autoren: «In bester Absicht versprechen sich die Fachleute vor allem, dass die IV die Jugendlichen aus dem oft frustrierenden Teufelskreis des schulischen Versagens und der schwierigen Lehrstellensuche befreit», erklärt Bänziger.

Bänziger und Gölz fordern auch einen Paradigmenwechsel im Krankheitsverständnis: «Bei Eltern, Pädagogen, Ärzten und Therapeuten ist Aufklärungsarbeit wichtig, damit nicht noch mehr junge Erwachsene über eine bisweilen auch fragwürdige Diagnose eine ‚Rentnerkarriere’ einschlagen müssen.»

Mit dem Alumni Award 2012 lassen es die beiden Preisträger nicht auf sich beruhen und suchen beispielsweise das Gespräch mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen, behandelnden Kinder- und Jugendärzten, Berufsinformationszentren wie auch mit Pädagogen, Arbeitgebern und Lehrmeistern.

(UZH News vom 23.04.2012)