Fachkräfte fürs gute Gewissen 

«Was ist ein gerechter Lohn? Soll die Präimplantations-Diagnostik zugelassen werden? Ist ein Burkaverbot mit den Grundsätzen einer liberalen politischen Ordnung vereinbar?» Diese Fragen finden sich auf der Start-Website zu den Advanced Studies in Applied Ethics (ASAE) der Universität Zürich und stehen beispielhaft für die Fülle an heiklen Themen, mit denen sich unsere Gesellschaft tagtäglich konfrontiert sieht.

von Beat Grossrieder

Ein Grossteil dieser Themen seien «im Kern ethische Fragen, auf die es oft keine eindeutigen Antworten gibt», sagt Nikola Biller-Andorno, Leiterin des für die ASAE-Ausbildungen zuständigen Ethik-Zentrums der Universität Zürich. Auch im beruflichen Alltag und im wirtschaftlichen Kontext spielten solche Fragen zunehmend eine Rolle; Stichworte dazu seien Ethical Leadership oder Corporate Social Responsibility. Jedoch sei von einem ASAE-Zertifikat nicht zu erwarten, «zur Expertin oder zum Experten für Moral» diplomiert zu werden, schränkt Biller-Andorno ein. Vielmehr vermittle die Ausbildung «Kompetenzen, ethische Fragen überhaupt als solche zu erkennen und ihre verschiedenen Aspekte zu unterscheiden».

Im ausserhumanen Bereich sind ethische Fragen eher neueren Datums und an eine schwankende Nachfrage gekoppelt. So bilden Unternehmen erst seit kurzem eigene Abteilungen, welche die Social Responsibility der Firma im Auge behalten. Auf dem freien Markt entstehen philosophische Praxen für das alltägliche, individuelle Streben nach Erkenntnis und Moral; daneben bieten Beratungsfirmen zunehmend Dienste für Firmen und Behörden an, die ihr Wirken auch ethisch ins Lot bringen wollen, beispielsweise unter dem Aspekt der Good Governance. Markus Huppenbauer, Geschäftsleiter des Universitären Forschungsschwerpunktes Ethik in Zürich, weist auf Berufsfelder hin: «Es gibt in der Schweiz zwar äusserst selten Stellen, bei denen Ethikkompetenzen explizit gefragt sind. Aber in vielen Bereichen ist eine Ethikausbildung nützlich, etwa in den Abteilungen für Compliance grosser Unternehmen sowie in Spitälern und Verwaltungen oder im Bildungswesen.»

Huppenbauer wehrt sich dagegen, zwischen wirtschaftlichem und moralischem Denken einen grundsätzlichen Graben zu ziehen: «Im Sinne einer akademischen Reflexion auf Fragen des Handelns ist Ethik in der Wirtschaftswelt zwar tatsächlich noch wenig vertreten. Aber selbstverständlich handeln viele Menschen in der Wirtschaft moralisch; sie tun das eher aus einem Bauchgefühl heraus.» Ohne das Beachten fundamentaler moralischer Normen und Werte wäre «Wirtschaften gar nicht möglich», meint der Ethiker. Als Beispiel erwähnt er einen «innermoralischen Konflikt» aus dem Wirtschaftsalltag: «Es kommt vor, dass ein Unternehmen Angestellte entlassen muss, um seine Substanz zu erhalten und damit letztlich einen Teil der Arbeitsplätze zu retten.»

Das Beispiel zeigt: Ethische Fragen sind meist komplex und betreffen unterschiedliche Aspekte, die miteinander verzahnt sind. Konkret wird in der Praxis unterschieden zwischen den Bereichen Bioethik, klinische Ethik, Pflege-Ethik, Wirtschaftsethik, Umweltethik und politische Ethik. Will eine Fachperson in einem dieser Spezialgebiete erfolgreich sein, muss sie Kenntnisse der ethischen Theorien besitzen, etwa des Utilitarismus, des Kantianismus oder der Tugendethik. Am Ende aber bleibt ein spannendes Dilemma, das Fachkräfte immer wieder neu lösen müssen: die Diskrepanz zwischen den alltäglichen Moralvorstellungen und dem distanzierten Blick des Ethikprofis. «Ideologie und moralische Besserwisserei» führten gerade nicht zum Erfolg, betont Huppenbauer, vielmehr gehe es darum, moralische Probleme zu erkennen, klar zu formulieren und methodisch kompetent zu analysieren.

Ariane Willemsen, Geschäftsführerin der Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich, wehrt sich insbesondere gegen festgefahrene Meinungen. «Wenn Überzeugungen nicht mehr hinterfragt, sondern einfach als richtig gesetzt werden, spricht man von Dogmen.» Der Ethik komme die schwierige Rolle zu, «solche Glaubenssätze zu hinterfragen und auf ihre rational nachvollziehbaren Begründungen hin zu überprüfen». Die Expertin sagt, zwischen Ethik und Wirtschaft sei nicht notwendig ein Graben, ethisches Handeln könne sich auch wirtschaftlich positiv auswirken und umgekehrt. «Kurzfristig mag eine <Ethikprüfung> etwas kosten, doch zahlt sich dies bei weitem aus, weil solche Entscheidungen tragfähiger, besser akzeptiert und für jene, die auf diesen Entscheiden aufbauen, verlässlicher sind.»

Artikel gekürzt und redaktionell angepasst

(NZZ Executive vom 07.04.2012)