Ethnobotanik und Ethnomedizin

Grüner Tee und böse Geister

Pflanzen haben für Menschen im Süden Chinas grosse Bedeutung: Sie heilen Krankheiten und betören die Götter. Caroline Weckerle erforscht Ritual­ und Medizinalpflanzen – und die Kultur, die dahintersteht.

Von Simona Ryser

Die Kiste mit erlesenstem chinesischem Grüntee steht in Caroline Weckerles Aktenschrank. Das Set für die Zeremonie gleich daneben. Ansonsten hat sie aber kaum etwas importiert. Die getrock­neten Tofuhäute, die sie eigentlich sehr gerne mag, schmecken hier in der Schweiz nicht wirk­lich. Caroline Weckerle führt ein Doppelleben. Im Herbstsemester reist die Ethnobotanikerin mit Mann, Kind und Kegel nach Südwestchina und erforscht dort die Pflanzenrituale der einhei­ mischen Bevölkerung. Im Frühlingssemester lehrt die dreifache Mutter am Institut für Syste­matische Botanik der Universität Zürich Ethno­botanik und Ethnomedizin.

Genauso gut hätte Caroline Weckerle auch Künstlerin werden können. Als Kind einer Fami­lie von Architekten, Lehrern und Künstlern wäre der Weg an die Kunstgewerbeschule eine nahe­ liegende Option gewesen. Entschieden hat sie sich dann aber für die Naturwissenschaft. «Endlich macht jemand etwas Rechtes, dachten sich meine Eltern wahrscheinlich», lacht die aufgeweckte junge Frau. Dass es Botanik sein würde, war bald klar. Sie ist ein naturverbundener Mensch. Als Kind ist sie durch die Gärten Schaffhausens ge­strichen. Der Kräutergarten des Klosterguts zu Allerheiligen etwa oder der Klostergarten Para­dies waren ihre Lieblingsplätze.

Anfang mit Carlos Castaneda

Wahrscheinlich waren dann aber die Kultbücher von Carlos Castaneda, die sie als Jugendliche ver­schlang, der Auslöser für ihr Interesse an der Ethnobotanik. Der umstrittene Anthropologe, der bei Schamanen und Heilern den Umgang mit halluzinogenen Pflanzen untersucht haben will, beschreibt in seinen Büchern einen spirituellen Erkenntnisweg. Weckerle lacht schelmisch. Neben dem Interesse an der Nutzung halluzino­gener Pflanzen wurde sie schon bald auf das al­ternative Wissen neugierig, das es in fremden Kulturen zu entdecken gibt. «Mein Wunsch war, die eigene Erkenntnis auszureizen, an Grenzen zu stossen und das eigene Weltbild durch die Konfrontation mit fremden Kulturen zu erwei­tern», erklärt die 38­-Jährige. «Damals war mein Traum, nach Südamerika zu reisen und dort Feld­forschung zu betreiben.» Doch dann konnte sie sich für ihre Diplomarbeit einer Gruppe von Eth­nologen und Sinologen anschliessen, die im süd­westchinesischen Shuiluo­-Tal arbeiteten.

Das auf 2000 bis 6000 Metern in den südlichen Hengduan-­Bergen zwischen China und dem Tibet liegende Tal ist ein multiethnischer und multikul­tureller Korridor. Als Weckerle sich das erste Mal auf den Weg dorthin machte, ging sie davon aus, die Nutzung von Medizinalpflanzen zu erfor­schen. Das Gebiet ist bekannt für die reiche Vielfalt an Heilpflanzen. Doch in der Ferne angekommen, erkannte sie, dass Ritualpflanzen für die lokale Bevölkerung viel wichtiger sind. Pflanzen werden in der Regel gar nicht eingenommen. «Hier haben die Menschen ein anderes Konzept von Gesund­heit und Krankheit», erklärt Weckerle. Für sie ist die gesamte Umwelt belebt und Krankheiten wer­den durch ein Ungleichgewicht, durch den Ein­fluss von Geistern und Dämonen verursacht. «Mit Ritualen, oft handelt es sich um Räucherungen, bei denen Pflanzen verbrannt werden, wird das Gleichgewicht wiederhergestellt», sagt die Ethno­botanikerin, die so unverhofft zur Spezialistin für Ritualpflanzen wurde.

Überhaupt ist der Alltag im Shuiluo­-Tal von Ritualen geprägt. Allerorten sind Rauchsäulen zu beobachten, die in den Himmel steigen. Die Götter werden mit Düften betört und mit dichtem weissem Rauch beeindruckt. Die ätherischen Öle kitzeln aber nicht nur Gottheiten in der Nase. Auch die Forscher interessieren sich für die In­ gredienzen und machen Rauchanalysen. Dabei konnten sie zum Beispiel eine Art Urform der Inhalation feststellen, die bei Erkältungskrank­heiten angewendet wird, wie wir es etwa von der ayurvedischen Medizin kennen.

Dämonen abwehren

An den zahlreichen rituellen Feuerstellen werden zum Beispiel Föhren­ und Rhododendronzweige verbrannt. Manche Pflanzen werden aber auch auf Schreine gesteckt oder über Hauseingänge gehängt. Mit Immergrün werden die Götter will­kommen geheissen, dornige Gewächse hingegen sollen böse Dämonen abwehren. Begeistert er­zählt Weckerle von den liebevoll geschmückten Altären bei den Feuerstellen. Die sorgfältigen Arrangements von Grünzweigen ahmen die gött­liche Wohngegend nach. Die Götter sollen sich schliesslich heimisch fühlen, wenn sie zu den Menschen kommen. Damit immer das richtige Grünzeug zur Hand ist, werden Pflanzen sogar getauscht. «Pflanzen wie die Wacholder, die sehr hoch am Berg wächst, sind besonders wertvoll», erklärt Weckerle. «Die Berggänger, die tage­ und wochenlang auf Pilgerreise sind, tauschen diese zum Beispiel gegen Nahrung. So kommen aucch diejenigen Leute zu den heiligsten Pflanzen, die nicht die Hänge hochklettern können.»

Nun, ihr Leben in Südwestchina ist zwar nicht so ritualisiert wie das der einheimischen Bevöl­kerung, doch einige Alltagsgewohnheiten hat die Forscherin doch lieb gewonnen. Tsampa, ein ge­röstetes Gerstenmehl, mit Buttertee, das während der Feldarbeit ihre Leibspeise ist, tischt sie in der Schweiz zum Frühstück auf, wenn auch in leicht modifizierter Art mit Joghurt statt Buttertee. Wenn sie aus der Ferne heimgekehrt ist und sich wieder den Studierenden widmet, wird der Grün­tee allerdings durch Kaffee ersetzt.

Die Oberassistentin am Institut für Systema­tische Botanik ist auch Programmleiterin des Weiterbildungsstudiengangs Ethnobotanik an der Universität Zürich. Fragen des Umwelt­schutzes, der nachhaltigen Entwicklung, der Erhaltung natürlicher Ressourcen und der Entwicklungszusammenarbeit, aber auch sol­che zu alternativen Medizinkonzepten und zur Traditionellen Chinesischen Medizin wur­den in den letzten Jahren immer aktueller. Weckerle war schon lange klar, dass die trans­disziplinäre Ethnobotanik den idealen Brü­ckenschlag leistet, und so hat sie vor ein paar Jahren den Zertifikatsstudiengang aufgebaut.

Fach mit kolonialen Wurzeln

Der Begriff «Ethnobotanik», der bereits Ende des 19. Jahrhunderts auftauchte, war zunächst zwar noch kolonial gefärbt und die Untersu­chungen zielten auf den potenziellen ökonomi­schen Wert von Pflanzen, die sich in fremden Kulturen finden liessen. Doch dann wurde diese – angewandte – Botanik mehr und mehr von einer Auffassung des Fachs überlagert, die sich für das kulturelle Umfeld der entdeckten Pflanzen interessierte. Trotzdem gab es im gan­zen deutschsprachigen Raum bis vor kurzem kein Bildungsangebot im Bereich Ethnobota­nik. Nun feiert der Studiengang bald seine drit­te Auflage. Die Nachfrage sei sehr positiv, meint Weckerle. Allein schon die besonders unter­schiedliche Herkunft der Studierenden sorge für spannende Gespräche. «Wenn etwa Ethno­logen, Ärzte und Landschaftsarchitekten über ethnobotanische Fragen diskutieren, kreuzen sich sehr unterschiedliche Interessen.»

Hat die Ethnobotanikerin auch schon Ri­tuale aus ihrem Alltag im Shuiluo-­Tal in den Hörsaal an der Universität gebracht? Caroline Weckerle schüttelt den Kopf und lacht. Das Semester beschliesst sie jeweils mit einer Tee­zeremonie, doch Geister und Dämonen hat sie hier in der Schweiz noch nie zu vertreiben ver­sucht. Die werden hier eben weniger wahr­genommen. Allerdings, grinst sie, an einem Hochzeitsfest habe sie sich doch schon mal zu einem weihevollen Bergrauchritual hinreis­sen lassen. Sie verbrannte Artemisia und schickte das Brautpaar und dessen Gäste in eine rauschhafte Zukunft.

(UZH magazin, Februar 2011)