Lebensqualität und Bildung im Alter

Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie und Präsident des neuen Weiterbildungsstudiengangs CAS Gerontopsychologie an der Universität Zürich, hielt an der Senioren-Universität Schaffhausen ein Referat über das «Konzept zur Stabilisierung der Lebensqualität im Alter».

von Dominic Caviezel

Regelmässig organisiert die Senioren-Uni Schaffhausen Vorträge im Park Casino Schaffhausen. Es bietet engagierten älteren Menschen die Gelegenheit, sich zu Themen weiterzubilden, die für sie relevant oder spannend sind. Auch relevant für manchen Senior ist das heutige Thema: ein «Konzept zur Stabilisierung der Lebensqualität im Alter», vorgetragen von Dr. Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie an der Universität Zürich.

Im Referat befasst er sich mit der Frage «Kann man Gesundheit im Alter fördern, ohne sie zu verbessern?». Um diese widersprüchlich scheinende Frage zu erklären, erläutert Martin zunächst den Begriff Gesundheit. Was wir zum Beispiel als «Gesundheitswesen» betrachteten, sei eigentlich eher ein «Krankheitswesen», da es sich praktisch nur auf das Bekämpfen von Krankheiten und auf deren Prävention konzentriere. Es gebe jedoch einen grossen Unterschied zwischen Gesundheit und der Abwesenheit von Krankheiten.

Lebensqualität ist gefühlte Gesundheit

Martin erklärt, dass die Gesundheit funktional sei. Was für jemanden einen schwerwiegenden Eingriff in seine Lebensqualität darstelle, ihn am Ausführen geliebter Tätigkeiten hindere, sei für jemand anderes praktisch kein Problem, da es ihn nicht in einem für ihn wichtigen Bereich einschränke. «Gesund ist, wer die Ziele erreichen kann, die für ihn wichtig sind», so Martin.

Oft sei es gar nicht möglich, alle chronischen Krankheiten, die ein Mensch im Alter habe, medizinisch zu behandeln, da dieser ansonsten unzählige Tabletten schlucken und mehr Zeit investieren müsste, als ihm real zur Verfügung stehe. Viel wichtiger, als jede einzelne gesundheitliche Einschränkung mit voller Kraft zu bekämpfen, seien eine ausgeglichene Behandlung und der Erhalt der allgemeinen Lebensqualität.

Martin erklärt die «gefühlte Gesundheit », die Lebensqualität, anhand einer tempelartigen Grafik. Die Säulen stellten die individuellen Ziele dar, die Dinge, die ein Mensch gerne mache, die ihn erfüllten. Zusammen stützten sie das Dach, die Lebensqualität. Die Höhe der individuellen Säulen hange von der Möglichkeit der Person ab, diesem Ziel oder dieser Tätigkeit nachzugehen. Eine solche Säule könne natürlich durch gesundheitliche Einschränkungen gekürzt werden. Es sei essenziell, sich genügend solcher Säulen anzulegen, so Martin. Wichtig für ein gutes Lebensgefühl sei es, viele Dinge zu finden, die einen interessierten und erfüllten, dann könne man flexibel sein, auch wenn das Alter einiges nicht mehr erlaube, so der Professor.

Artikel gekürzt und redaktionell angepasst

(Schaffhauser Nachrichten vom 10.01.2012)