«Bildung ist einer der Megatrends»

Andrea Schenker-Wicki, Professorin am Institut für Betriebswirtschaft und Direktorin des Executive-MBA-Programms an der Universität Zürich, plädiert für Weiterbildung, um den Wohlstand der Schweiz zu bewahren.


Interview: Helga Wienröder

Wirtschaft, Märkte, Politik und die ganze Welt haben sich radikal verändert. Das Wettrennen um Spitzenplätze in der Weltwirtschaft ist noch schneller und dynamischer geworden. Was kann eine Wissensgesellschaft wie die Schweiz tun, um nicht ins Abseits zu geraten?

Andrea Schenker-Wicki: Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass Investitionen in Bildung sowie Forschung und Entwicklung den grössten Return on Investment für eine Volkswirtschaft ergeben. Dies gilt insbesondere für eine hoch technologisierte Volkswirtschaft wie die Schweiz. Bildung ist auch einer der elf Megatrends, die wir weltweit beobachten können. Überall wird enorm viel in die Bildung investiert, besonders in Asien.

Was bringt Sie zu der Überzeugung so stark auf den Faktor Bildung zu setzen?

Andrea Schenker-Wicki: Wir werden eine Konkurrenz erhalten, wie wir sie bis anhin nicht gekannt haben. Schon allein aufgrund seiner wachsenden Bevölkerungszahl hat Indien mehr hochbegabte Kinder, als wir im Westen zahlenmässig überhaupt Kinder haben. Und China wird dieses Jahr über 6 Millionen neue Hochschulabgänger haben. Das heisst, wenn wir wirklich unseren Wohlstand in Zukunft beibehalten wollen – und viele Indikatoren deuten darauf hin, dass wir uns angesichts des aufwendigen Lebensstils schon heute schwer damit tun –, müssen wir uns warm anziehen. Eine Strategie in diese Richtung ist die Investition in Bildung und Forschung, damit wir hochwertige Produkte und Dienstleistungen entwickeln, welche trotz höherer Preise auf dem Weltmarkt nachgefragt werden. Wir können daher nicht in unseren alten Ausbildungsmustern weiterleben. Es genügt nicht, nur einmal im Alter von 18 bis 23 an die Universität zu gehen – und das war es dann. Umso mehr, als das Pensionierungsalter sich einmal gegen 70 verschieben wird, wenn die Lebenserwartung weiter zunimmt.

Wie wollen Sie die auf die Universitäten zurollende Nachfrage bewältigen?

Andrea Schenker-Wicki: Das Problem ist, dass wir an den Universitäten bis anhin dazu noch keinen Modus gefunden haben. Uns fehlen nach wie vor die entsprechenden Konzepte und Gefässe. Im Prinzip ist es so, dass wir die Studierenden im Alter von etwa 25 Jahren mit einem Master-Diplom aus dem System entlassen. Einige schreiben dann noch eine Dissertation, aber die meisten verlassen die Universität und gehen auf den Arbeitsmarkt. Für diejenigen, die sich partiell weiterbilden möchten, gibt es kleinere Kurse an den Universitäten. Für diejenigen, die eine umfangreichere Weiterbildung machen, bieten wir Master-Kurse an, beispielsweise unseren Executive MBA, bei dem die Teilnehmer rund 40 Jahre alt sind. Nach diesem Abschluss stehen den Absolventen aber noch 20 bis 30 Berufsjahre bevor – eine viel zu lange Zeit, um auf diesem Abschluss zu verharren. Das Wissen müsste auch nach dieser grösseren Weiterbildung immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden. Und genau da haben wir noch keine geeigneten Gefässe entwickelt. Weil die Universitäten hier vergleichsweise wenig gemacht haben, sind Berufsverbände in die Lücken gesprungen.

Die Halbwertszeit des Wissens verkürzt sich immer mehr. Mit welchen Ideen könnten die Universitäten dem etwas entgegensetzen?

Andrea Schenker-Wicki: Die Universitäten müssen das Weiterbildungsangebot ausbauen und so attraktiv gestalten, dass es auch entsprechend genutzt wird. Zudem darf die universitäre Ausbildung, die normalerweise mit 18 Jahren beginnt, nicht allzu lange dauern, sondern die Absolventen müssen nachher wieder an ihre Alma Mater zurück. Da brauchen wir aber etwas Unterstützung vom Staat, der zum Beispiel endlich die entsprechenden steuerlichen Anreize setzen könnte.

Was bedeutet das für die Inhalte der universitären Weiterbildungsprogramme?

Andrea Schenker-Wicki: Weiterbildung wird aus meiner Sicht in 20 Jahren einen ähnlichen Stellenwert haben wie die grundständige Ausbildung. Die grosse politische Diskussion wird sich dann um deren Finanzierung drehen.

Wie schlägt sich diese Erkenntnis auf die aktuellen und zukünftigen Themen in der Erwachsenenbildung nieder?

Andrea Schenker-Wicki: Als wirtschaftswissenschaftliche Fakultät setzen wir klar darauf, dass unsere Studierenden ganz generell das notwendige Handwerkszeug erhalten, um später herausfordernde Aufgaben in Wirtschaft und Gesellschaft wahrnehmen zu können. In der Weiterbildung – und hier ganz speziell bei unserem Executive MBA – setzen wir einen Fokus auf interkulturelles Management. Das heisst, wir wollen Wissen und Kompetenzen vermitteln, um andere Kulturen zu verstehen und wirklich interkulturell arbeiten zu können. Wir wollen sicherstellen, dass unsere Studierenden fähig sind, ein interkulturelles Team zu führen, egal, ob sie in der Schweiz oder im Ausland tätig sind. Eine unserer Studentinnen erzählte mir etwa, dass ihre Firma ein grosses Projekt in Japan erfolgreich durchgeführt hatte und dies mit einer kleinen Feier abschliessen wollte. Um den japanischen Partnern eine Freude zu machen, wurde als Präsent eine teure Schweizer Uhr ausgesucht. Die Reaktion: Als die Japaner das Päckchen öffneten, erbleichten sie und verliessen den Raum. Eine Uhr als Geschenk steht in Japan für: Deine Zeit ist abgelaufen.

Sie haben ein interkulturelles Angebot wieder zurückgenommen. Weshalb?

Andrea Schenker-Wicki: Wir hatten ein Programm zu diesem Thema, das vor allem für zukünftige Expatriates gedacht war, aber vom Markt nicht angenommen wurde. Als wir nach den Ursachen forschten, liessen uns einige Unternehmen wissen, dass zur Entsendung eines Expatriate zwei bis drei Tage Vorbereitung durch einen Vertreter aus einem entsprechenden Kulturkreis oder einen internen Mitarbeiter genügten. Wir sind allerdings der Meinung, dass durch eine intensivere Vorbereitung sehr wohl bessere Resultate erzielt werden können. Expatriates ist übrigens ein Thema, das in den Unternehmen unbedingt einer vertiefteren Auseinandersetzung bedarf, wie eine bei uns kürzlich durchgeführte Diplomarbeit gezeigt hat. Vor allem die geordnete Rückkehr scheint ein Problem zu sein, das grosse Frustrationen erzeugen kann.

Sie haben sich vor kurzer Zeit in New York ein fünfmonatiges Sabbatical mit Kursen an der Stern University gegönnt. Sogar Ihre beiden Kinder gingen dort zur Schule. Was ist Ihnen davon geblieben?

Andrea Schenker-Wicki: Die Erinnerung an eine wunderschöne Familienzeit und eine grosse Bewunderung für die Fähigkeit der Amerikaner, die Kinder in den Schulen, aber auch die Studierenden an der Universität immer wieder zu motivieren und das Beste aus ihnen herauszuholen.

(Handelszeitung vom 25.08.2011)