Philosophie für Fachleute aus Medizin und Psychotherapie

Markus Rezk ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er arbeitet auf der Forensisch-Psychiatrischen Abteilung in der Justizvollzugsanstalt Regensdorf mit persönlichkeitsgestörten Straftätern. Begleitend dazu nimmt er an einem Lehrgang Philosophie an der Universität Zürich teil. Die Philosophie hilft ihm, sich in jene Aspekte des Menschseins zu vertiefen, die in der Hektik des Berufsalltags zu kurz kommen.

Interview: Marita Fuchs

UZH News: Herr Rezk, wie sieht Ihr Berufsalltag aus?

Markus Rezk: Ich habe Ende letztes Jahr den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Burghölzli abgeschlossen und arbeite jetzt als Oberarzt der Forensischen Psychiatrie bei Professor Frank Urbaniok. Ich bin verantwortlich für zwei Stationen mit persönlichkeitsgestörten Straftätern, die schwere Gewalt- oder Sexualstraftaten begangen haben. Wir führen Gruppen- und Einzeltherapien durch. Für die psychiatrische Grundversorgung der 24 Personen auf der Station bin ich ebenfalls zuständig.

Welche Probleme können auftreten?

Im Verlauf der psychotherapeutischen Behandlung könnte sich bei den Insassen beispielsweise eine Depression, eine Angststörung oder – seltener – eine Psychose entwickeln. Dabei kann es vorkommen, dass sie sich selbst oder andere gefährden. Dann müsste ich an eine begleitende medikamentöse Behandlung denken.

Wie sind Sie darauf gekommen, zusätzlich zu Ihrer Arbeit einen Lehrgang in Philosophie zu belegen?

Während meiner Ausbildung an den Universitätskliniken in Deutschland vertraten die Psychiater zumeist eher einen einseitig biologischen Ansatz. Das heisst, psychische Krankheiten wurden in erster Linie als Störungen des Hirnstoffwechsels betrachtet und vorwiegend medikamentös behandelt.

An der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich stand hingegen die Person des Kranken, sein inneres Erleben mehr im Mittelpunkt. Das hat mich fasziniert. Die Haltung der Ärzte um Professor Daniel Hell in Zürich gründete in der Bleulerschen Tradition; der Zürcher Psychiater Eugen Bleuler verknüpfte Psychoanalyse und Psychiatrie. Dabei berücksichtigte er individuelle Merkmale der Patienten und betrachtete die Symptome vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte; bei der Verknüpfung von Seele und Gehirn spielen auch philosophische Fragen mit hinein. Durch Daniel Hell bin ich auf den Lehrgang Philosophie aufmerksam geworden, er ist einer der Initianten.

Wie wirkt sich diese eher lebensgeschichtliche Herangehensweise auf Ihre Arbeit aus?

Zum Beispiel bei der Depression: Man kann diese Krankheit biologisch als Stoffwechselstörung im Gehirn erklären, die mit Medikamenten behandelt werden muss. Ärzte können sich aber gleichzeitig auch fragen: Warum wird gerade dieser Mensch mit seiner individuellen Lebensgeschichte genau zu diesem Zeitpunkt depressiv? Was hat also die Depression mit den Lebensumständen des Patienten zu tun, und an welcher Stelle ist er speziell verletzlich?

Können Sie durch diesen Ansatz Ihre gewalttätigen Patienten besser verstehen?

Ja, denn es interessiert mich zu verstehen, welche Personen mit welcher Lebensgeschichte hinter diesen Taten stehen. Wenn ich früher in der Zeitung von grausamen Verbrechen gelesen habe, wollte ich erfahren, welche Person sich dahinter verbirgt, wo in der Biographie die Weichen gestellt worden sind, dass sie zu so schrecklichen Taten motiviert wurde, und wie man solche Taten verhindern kann. Heute weiss ich, dass es viele Jahre dauert, bis eine Therapie Früchte trägt – falls überhaupt. Diese Langzeitbegleitung ist jedoch auch ein Punkt, der mich an meiner Arbeit reizt.

Sie haben mit so genannten Schwerverbrechern zu tun. Wie kann eine Therapie wirken?

Bestimmte Entwicklungsfaktoren begünstigen kriminelles Verhalten, doch den Menschen bleibt immer eine Freiheit, sich zu entscheiden, davon bin ich überzeugt. Mit einer Therapie können wir Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung helfen, sich selbst mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Sprich: innezuhalten und sich selber zuschauen zu lernen. Diese Distanz zu sich selbst ist oft zum Zeitpunkt der Straftat nicht dagewesen. In der Therapie versuchen wir, das beobachtende «Ich» zu stärken.

Ich glaube daran, dass sich Menschen ändern können. Doch mit Prognosen muss man vorsichtig sein. Man kann diese Straftäter meist nicht heilen, jedoch kann man bewirken, dass sie sich vermehrt mit dem eigenen Verhalten und inneren Erleben beschäftigen, und dadurch das Risiko für Rückfälle vermindern.

Wie hilft Ihnen Ihr philosophisches Wissen?

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: In letzter Zeit wird von bestimmten Hirnforschern immer wieder behauptet, neurobiologische Untersuchungsergebnisse hätten gezeigt, dass der Mensch keinen freien Willen habe. Das Gehirn entscheide und nicht die Person selber, der freie Wille sei eine Illusion. Für meinen Beruf hiesse dies schlussfolgernd: Straftäter können für ihre Taten nicht persönlich verantwortlich gemacht werden, sie wären damit nicht für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Die sprachanalytische Philosophie befasst sich unter anderem mit Täuschungen, die durch den Gebrauch der Sprache entstehen. Diese philosophische Tradition könnte auf die Behauptung der Neurobiologen antworten: Keine Entdeckung der Gehirnforschung vermag die Freiheit unseres Willens in Frage zu stellen. Und zwar ist das aus begrifflichen Gründen gar nicht möglich.

Hat der Mensch nun einen freien Willen oder nicht?

Ich möchte das etwas erläutern: Der Mensch kann aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Sprachen beschrieben werden: Die neurobiologische Perspektive schaut quasi von aussen auf den Menschen und beschreibt mit ihrer Sprache, wie das Gehirn funktioniert, an welchen Stellen des Gehirns bestimmte Aktivitätsmuster ablaufen; das ist die «Aussenansicht». Daneben gibt es die psychologische Perspektive – die «Innenansicht». Aus dieser Perspektive wird dem Menschen vieles zugeschrieben, was aus der neurobiologischen Perspektive nicht beschrieben werden kann: welche Handlungen die Person vollzieht, welche Gründe sie dafür hat, was sie glaubt und wünscht, was sie überlegt und fühlt, wie sie sich entscheidet usw.

Warum ist die neurobiologische Argumentation falsch?

Gehirne treffen keine Entscheidungen, sondern Personen. Hirnforscher, die behaupten, sie hätten bewiesen, der Mensch habe keinen freien Willen, bringen die beiden Begriffssysteme durcheinander. Man kann nicht mit der einen Sprache gegen die andere argumentieren. Für mich ist die philosophische Herangehensweise an wissenschaftliche Fragestellungen eine nützliche Hilfe, um gegen solche Aussagen argumentieren zu können. Die philosophischen Grundlagen helfen mir, neuere Forschungsergebnisse und vor allem die Schlussfolgerungen, welche daraus gezogen werden, einzuordnen und sie auch kritisch zu betrachten.

(UZH News vom 19.01.2011)