Wissenschaft und Weisheit 2012
Vergessen. Eine Herausforderung für die Wissenschaft
Wer heute von Vergessen spricht, denkt womöglich an Demenz und Alzheimer, oder an Verdrängen in persönlicher oder gesellschaftspolitischer Hinsicht. Vergessen wird dabei häufig als das Gegenteil von Erinnern und Bewusstsein aufgefasst. Zu unrecht. In den letzten zehn Jahren ist das Vergessen wissenschaftlich nicht nur als Defizit erforscht oder als schmerzvolle Verletzung diagnostiziert worden, sondern auch als notwendige Kompetenz in Bezug auf Konzentration und Denkleistung, als Bedingung für politische Stabilität oder als Tugend insbesondere im Zeichen der Digitalisierung. Ausgehend von aktuellen Forschungsarbeiten von Experten und Expertinnen und in gemeinsamen Gesprächen rücken wir das «Vergessen» ins Zentrum unseres Interesses und gehen dem Begriff im Kontext verschiedener Forschungsbereiche nach. Philosophie, Geschichte, Politikwissenschaft und Literatur haben dazu überraschende Erkenntnisse hervorgebracht ebenso wie Medizin und Neurobiologie oder Psychologie und Religionswissenschaft. Unsere Beschäftigung mit dem Vergessen schärft den Blick für ein komplexes Phänomen bzw. für die Verwendung von Begriffen wie «Gedächnis», «Erinnerung», «erinnern» und «vergessen». Schon Augustinus fragt staunend: Wie ist es möglich, dass wir um unser Vergessen überhaupt wissen können? Dieses philosophische Staunen ist Ausgangspunkt der gemeinsamen Erkundung.
